Am 6. Mai 2021 ist es so weit: ALMOST SPEECHLESS – DIE TIEFE DEINER WORTE erscheint als e-Book und ist in allen Shops erhältlich.

Um euch einen kleinen Vorgeschmack zu geben, habe ich euch heute den Prolog mitgebracht. Er ist aus Adrians Sicht geschrieben. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und freue mich über Kommentare, ob er ihr neugierig auf das Buch seid.

Prolog

Der Geruch der Lösungsmittel sticht mir trotz Halbmaske in der Nase und ich atme ganz flach, weil mir davon immer schlecht wird. Skeptisch betrachte ich mein Werk, korrigiere hier und da eine Schattierung, bis der Ausdruck auf dem Gesicht des Boxers dem entspricht, wie er sich in mein Gedächtnis gebrannt hat. Wütend, bereit, alles zu geben und zuzuschlagen. Die blanken Fäuste gereckt, rotes Blut klebt an den Knöcheln.

Keine Ahnung, warum ich mich genau dieser Figur aus Fight Club so nahe fühle. Aber seit ich mit meinen Leuten diesen Klassiker geschaut habe, lässt er mich nicht mehr los.

Ich trete einige Schritte zurück, betrachte das Graffiti, das sich auf der Fassade meiner Schule verdammt gut macht. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen nicke ich und lache – lache, weil ich mich frei fühle. Frei und unbesiegbar.

Ich schaue mich kurz um. In einiger Entfernung sehe ich Calli und Zao. Ihre schwarzen Silhouetten heben sich kaum von der dunklen Nacht ab. Sie haben sich eine andere Mauer gekrallt, eine betongraue Fläche, die so leblos und abgefuckt aussah, wie ich mich immer fühle, sobald ich auch nur in die Nähe des Schulgeländes komme. Gut, dass sie ihr endlich mit Farbe und Fantasie etwas Leben einhauchen. Diese Stunden mit meinen Jungs lassen mich all den Scheiß vergessen, der mich in der Realität immer weiter runterzieht. Der mich in der Nacht leben lässt, weil ich den Tag kaum noch ertrage.

Das Zischen der Spray Cans klingt wie Musik in meinen Ohren und ich entspanne weiter, verliere mich wieder in der Arbeit an meinem Kunstwerk. Der Boxer wird mit Abstand das beste Graffiti werden, das ich bislang gesprüht habe. Immer weiter verfeinere ich den Ausdruck, ziehe mit dem Stencil-Aufsatz feine Konturen nach, Falten, die meinen Boxer noch grimmiger, noch wütender wirken lassen. Dann trete ich zurück, weiß, dass ich langsam zum Ende kommen muss. Wir haben nicht ewig Zeit – die Gefahr, dass uns jemand sieht, ist selbst auf diesem schlecht einsehbaren Schulhof zu groß.

Ich krame in meinem Rucksack nach der schwarzen Dose mit dem Kalligrafie-Cap, das ich für gewöhnlich für mein Tag nutze – die Signatur unter meinen Graffitis. Neo. Den Spitznamen hat mir Calli gegeben, als ich mit dem Sprayen angefangen habe. Ich würde ihn an Keanu Reeves erinnern, hat er einmal gesagt. Den Namen mag ich – es gibt üblere Pseudos.

Als ich ansetze, um mit einem geübten Schwung meinen Namen zu sprayen, spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Sie gibt ganz schön Druck und versucht mich umzudrehen. Wäre ich nicht voll auf meine Arbeit konzentriert, wäre ich sicher tierisch erschrocken und hätte das Überraschungsmoment genutzt, um abzuhauen. So drehe ich mir nur genervt um und will Calli oder einen der anderen Jungs zur Schnecke machen, weil sie mich mal wieder beim Finale unterbrechen. Dabei wissen sie doch, wie wichtig mir dieses Ritual ist, meine Arbeit sauber abzuschließen.

Anstatt in die vermummten Gesichter meiner Kumpels blicke ich geradewegs in die zusammengekniffenen Augen von Direx Remke. Ich zucke geschockt zusammen. Mein Herzschlag dröhnt in meinen Ohren, ich ringe nach Atem und dann schreie ich. Schreie, so laut ich kann. Es ist, als würde ich all die Wut aus meinem Körper pressen, die Ungerechtigkeiten, die mir nicht nur in dieser Schule begegnet sind. Und die Angst.

Aus einem inneren Drang heraus hebe ich meine Hand und drücke auf den Knopf der Spraydose. Ich will diesen Blick nicht mehr sehen, die Enttäuschung, das Wissen, dass ich es sowieso verkacken werde. Den stummen Vorwurf, der mir aus fast jedem Blick Erwachsener entgegenkommt – immer.

Der panische Aufschrei vom Remke dringt verspätet in meinen Kopf, bohrt sich in mein Bewusstsein und schockiert von mir selbst lasse ich die Dose fallen. Mit einem blechernen Schlag scheppert sie auf dem Asphalt. Laut. Anklagend. Ich zittere, starre zu dem anzugtragenden Mann vor mir, der sich die Brille vom Gesicht kratzt und ungläubig sein schwarzes Gesicht betatscht.

»Renn, Neo!«, höre ich Callis Stimme die dröhnende Stille durchbrechen. »Renn!«

Ich brauche ein, zwei … drei Atemzüge. Und dann laufe ich los.

 

Willst du wissen, wie es weitergeht? ALMOST SPEECHLESS – DIE TIEFE DEINER WORTE erscheint am 6. Mai 2021 und ist bereits vorbestellbar. z.B.: