Josh

Ich blickte auf die Schlüssel, die schwer in meiner Hand lagen und zögerte einen Moment, bevor ich die Tür zu meinem Zuhause aufschloss. Noch immer fühlte ich mich fremd hier. Die wechselnden Hotelzimmer waren mir inzwischen vertrauter, als meine eigenen vier Wände.

Die letzten fünf Nächte waren wir auf Tour gewesen. London, Paris, Amsterdam. Nun hatten wir einen Day Off, bevor es morgen bereits nach Berlin ging. Echo-Preisverleihung. Wir waren nominiert für die beste Newcomer-Band. Krass. Millionen Menschen würden vor ihren Fernsehern sitzen und zuschauen. Falls wir den Preis tatsächlich absahnen sollten, würde uns das sicher voran bringen.

Carol, unsere Managerin – Schrägstrich Kindergärtnerin – war schon ganz hibbelig und bombardierte mich mit unzähligen SMS. Die meisten ließ ich in meiner In-Box vergammeln, denn ich wusste, was drin stand: Schieß dich heute nicht ab, du musst fit sein, ruh dich aus, der Tag morgen ist mega wichtig … Ich war froh, dass ich sie hatte, sie hatte alles im Griff und ohne sie wären wir nicht dort, wo wir jetzt waren. Aber manchmal stresste mich ihre übermütterliche Art tierisch. Okay, nicht manchmal, sondern meistens.

Ich stellte den Trolley im Eingang ab und lehnte den verschrammten Gitarrenkoffer vorsichtig an die Wand. Liebevoll strich ich über das narbige Schwarz, das inzwischen das Zuhause meiner Kleinen geworden war. Meiner ersten Gitarre, die mich auf all meinen Reisen begleitete. Sie war meine Freundin, auf die ich mich verlassen konnte, wenn es Hart auf Hart kam. An ihr konnte ich mich festkrallen, wenn mich die Scheinwerfer blendeten und mich der Drang, schnell von der Bühne zu rennen, zu übermannen drohte.

Nein, ich hatte mich noch lange nicht daran gewöhnt, ‚berühmt‘ zu sein. Konnte man das denn überhaupt? Es war der pure Wahnsinn, dass wir es geschafft hatten. Dass wir es tatsächlich geschafft hatten! Krass. Noch immer lag ich nächtelang wach und fragte mich, ob ich alles nur träumte. Wow. Mein Leben war perfekt. Fast.

Ich schlurfte ins Wohnzimmer und ließ mich aufs Sofa plumpsen. Müdigkeit steckte in meinen Knochen. Wieder einmal hatte ich kaum geschlafen. Dabei hatte ich es bewusst vermieden, um die Häuser zu ziehen und mich abzuschießen. Das konnte ich mir nicht mehr leisten, jetzt, da die Medien ein Auge auf mich geworfen hatten. Aber dennoch – ich sehnte mich nach dieser Schwerelosigkeit. Nach dem Leben im Hier und Jetzt. Stattdessen wirbelten Tausende Endorphine und Cortisone in mir herum und ließen mich von der einen auf die andere Seite wälzen. Rastlos, ruhelos. Und es wurde immer schlimmer. Ein Seufzen drang durch die leere Wohnung und prallte an den nackten Wänden ab. Es wurde höchste Zeit, dass ich die Bude auf Vordermann brachte, aber die wenige Zeit, die ich hier war, hatte ich keine Energie für diese Nebensächlichkeiten.

Mühsam angelte ich das MacBook vom Schreibtisch, auf dem Notizen für eine Songidee vor sich hin gammelten. Durch all die Rumreiserei hatte ich kaum noch Zeit und Ruhe zum Schreiben. Ich vermisste es, einfach loszulassen und all meine Gefühle nach außen zu kehren. Ihnen eine Melodie zu geben, den Beat meines Herzens aufzuschreiben. Aber es gab einfach Zeiten, da flutschte es nicht. Das musste man akzeptieren.

Der Rechner gab Laut, dass er hochgefahren war. Ich rieb mir die müden Augen, um mich zu konzentrieren und scannte die Nachrichten. Unzählige Newsletter, Spam-Mails, aber keine Nachricht, die mich in irgendeiner Art interessierte. Von wem auch? Mit meinen Jungs war ich unterwegs gewesen. Und meine Mom, die schrieb vielleicht einmal im Monat. Sie war zu sehr mit Chiara und ihrem neuen Leben in Italien beschäftigt. Ich vermisste sie noch immer sehr. Seit Granny gestorben war mehr denn je.
Ein Klick auf die Stereoanlage, um die Stille zu vertreiben. Man könnte annehmen, dass ich nach all dem Lärm, den ich bei unseren Konzerten ertragen musste, die Ruhe und Stille genießen würde. Aber es fiel mir schwer, runter zu kommen. Alleine zu sein. Ich versuchte mich auf den Beat von Pink Floyd zu konzentrieren, mich in den Riffs von David Gilmore zu verlieren. Ich tauchte in die komplexen Melodien ab und spürte, wie ich endlich entspannte. Ein bisschen ausruhen. Ein bisschen Kraft sammeln für die nächsten Tage.

Das Klingeln meines Handys riss mich aus einem traumlosen Schlaf. Ich vergrub die Hände in den Haaren und versuchte mich zu sortieren. Wo war ich? Richtig, zuhause. Ich warf einen Blick auf das Display. Tom. Ihm fiel wahrscheinlich auch die Decke auf den Kopf.

„Hey, Alter. Alles frisch?“ Ich stellte die Anlage leiser. Eine Schande, denn Pink Floyd musste man einfach laut hören.

„Mhm“, murmelte ich und setzte mich auf. Kälte kroch mir in die Knochen. Die Heizung war noch immer auf Standby und die Raumtemperatur bei den frostigen Minusgraden alles andere als kuschelig.

„Bock auf Party heute?“
„Hast du noch nicht genug?“ Ein Gähnen drang aus meinem Mund.
„Mann Alter, du weißt doch, TomTom ist immer in Bewegung. Also, krieg deinen Arsch hoch.“ Ich wog die

Alternativen ab. Marc würde mit Lisa abhängen, anrufen war während der Day-Offs ein No-Go, auch wenn ich meine freie Zeit lieber mit den beiden verbringen würde. Nik? Der hatte immer eine Tussi am Start. Und Lucky … Okay, Tom war die bessere Alternative. Seit die Sache mit Amblish am Laufen war, hatte sich mein Freundeskreis drastisch reduziert. Also der meiner wirklichen Freunde. Ich seufzte ergeben.

„Was steht denn an?“

„Lukas schmeißt ’ne Party. “ Fuck. Eine Privatparty war die Hölle für mich. Unzählige Mädels würden mich belagern, nach Autogrammen betteln und nicht mehr von meiner Seite weichen. Gut, es gehörte dazu und meistens störte es mich nicht sonderlich. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte ich diese Seite ziemlich genossen. Aber irgendwann hatte ich verstanden, dass all die Mädels nur auf mich standen, weil ich berühmt war. Von mir selbst wollten sie ja überhaupt nichts. Die meisten machten sich noch nicht einmal die Mühe, den Menschen hinter Josh Meyer zu suchen. Sie wollten ein bisschen von meinem Glanz abhaben, mehr nicht. Ich stöhnte auf. „Komm schon. Ich bring denen ein bissel Stoff vorbei, wir genehmigen uns ’nen Absacker und hauen wieder ab.“

„Fuck, Tom. Ich dachte, du hast aufgehört, das Zeugs rumzuschieben.“ Wir hatten eine Abmachung: So schwer es uns fiel, wir ließen die Finger von diesem Dreckszeug, das jeden klaren Gedanken in eine trügerische Wolke aus Zufriedenheit hüllte. Wir hatten es schon einmal verkackt. Ein zweites Mal durfte uns das nicht passieren, sonst wären wir weg vom Fenster.

„Ruhig Blut. Das ist ja nur ’ne Ausnahme. Für Lukas. Also krieg dich wieder ein. Und? Bist du dabei?“ Ich sollte Nein sagen. Ich wusste, wie solche Abende endeten. Carol würde mich steinigen, vierteilen und der Meute zum Fraß vorwerfen, wenn ich morgen mit Augenringen und einem Kater auflaufen würde.

„Yep.“ Was sollte ich denn machen? Die Angst davor, allein zu sein, schnürte mir die Luft ab, drückte unaufhörlich auf meinen Brustkorb. Und was war schon dabei, sich ein oder zwei Drinks zu gönnen und dann den Rückzug anzutreten?

„Gute Entscheidung. Ich wusste, dass ich auf dich bauen kann. Pickst du mich auf?“ Ich schaute auf die Uhr. Es war bereits acht und mein Magen gab deutlich Laut, dass ich ihn heute vernachlässigt hatte.

„Klar“, seufzte ich und legte auf. Umständlich quälte ich mich hoch und lief Richtung Küche. Nun lohnte es sich auch nicht mehr, die Heizung hoch zu drehen. Ein Blick in den leeren Kühlschrank und es war klar, dass ich auf Tiefkühlpizza ausweichen musste. Mal wieder. Ich sollte dringend einen Großeinkauf machen.
Ich drehte die Anlage wieder auf und schob eine Pizza Hawaii in den Ofen. Während sie bruzelte, versuchte ich, mit einer Dusche einigermaßen wach zu werden. Ich liebte die heißen, harten Wasserstrahlen, die aus der Massagedüse meiner neuen Brause auf meine Haut prasselten. Ein stetiger Rhythmus, der all die Müdigkeit aus meinem Körper trommelte. Ich stieg in den Takt ein und spürte, wie die Lebensgeister und mit ihnen auch die Lust auf Bewegung erwachten.

Langsam machte sich Vorfreude in mir breit. Und ein Gefühl, das ich im ersten Moment nicht greifen konnte. Fast fühlte es sich wie Nervosität an. Aber das konnte nicht sein. Warum sollte ich nervös sein? Weil sich gleich ein paar Mädchen freuen würden, Josh Meyer zu sehen? Das hatte mich noch nie nervös gemacht. Also schob ich dieses Ziehen im Magen auf die beschissene Ernährung, die wir in letzter Zeit hatten. Junk-Food, wo man hinschaute. Gesund war anders.

Ich würgte den letzten Rest Melancholie mit der geschmackslosen Pizza runter und spülte mit einer Coke nach. Die Uhr drängte zum Aufbruch. Auf geht’s, Josh Meyer, dachte ich und schnappte meine Lederjacke vom Kleiderhaken.

Auf dem Weg zu Toms Hütte zog ich meine Mütze tiefer ins Gesicht. Hoffentlich würde Berlin keine frostige Angelegenheit werden. Wobei wir von den Städten eh nie viel mitbekamen. Flughafen, Studio, Hotel und backwards. That’s it. That’s my life.

Tom stand bereits vor der Haustür und qualmte. Ich begrüßte ihn mit Handschlag. Die Freundschaft mit Tom war eine komplizierte Sache und ich mochte ihn nicht besonders. Aber er war ein grandioser Musiker. Hier waren wir uns einig, hier verstanden wir uns blind. Und da wir viel Zeit auf Tour miteinander verbrachten, krachte es zwangsläufig ab und zu. Momentan verstanden wir uns, doch morgen könnte das schon wieder anders aussehen. Zwischen uns lag eine Spannung, eine Konkurrenz, die ich bei keinem anderen Menschen kennengelernt hatte. Wir konnten nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander.

„Hey“, nickte ich Tom kurz zu und zog einen Mundwinkel zur Begrüßung hoch. Meine Hände steckte ich zurück in die Taschen meiner Lederjacke. Weiße Nebelschwaden stiegen aus meinem Mund empor und verloren sich in der Dunkelheit.

„Und, alles klar? Lukas meinte, er hätte ein paar heiße Schnitten eingeladen …“ Ich nickte zustimmen, dabei interessierte mich das nicht die Bohne. Diese flüchtigen Bekanntschaften, One-Night-Stands, Flirtereien. Eine Weile war das cool gewesen, dass man keinen Finger krumm machen musste und man zwischen all den wunderschönen Mädchen wählen konnte. Ein Lächeln, ein paar nette Worte und die Sache war geritzt. Ein paar schöne Stunden konnten mir diese Mädchen bescheren, aber irgendwann musste ich feststellen, dass sie meine Leere nicht füllen konnten. Ich hatte es an diesem einen Abend gemerkt, als ich mit Marc im Hotelzimmer saß, eine Flasche Rotwein aus der Minibar stand geöffnet vor uns. Marc war schon den ganzen Tag über so ungewöhnlich aufgedreht gewesen und dieses dümmliche Grinsen hätte mich vorwarnen sollen. Als er mir dann mit leuchtenden Augen erzählte, dass er und Lisa heiraten wollten, hatte es mich eiskalt erwischt. Ich freute mich für die beiden. Aus ganzem Herzen. Und war neidisch. Die Neuigkeit hatte mich umgehauen, zog mich in die Tiefe und drohte, mich zu verschlucken. Warum liebte mich niemand? Warum wollten so viele mit mir zusammen sein, ohne mich überhaupt richtig zu kennen?

„Wir sind da“, murmelte Tom und schnippte seine Kippe weg. Mit Tom konnte ich schweigen. Das war eines der wenigen Dinge, die ich an ihm schätzte. Er laberte mich nicht zu, wenn ich in meinen Gedanken ertrank. Aber wahrscheinlich interessierte sich Tom nur nicht für mich.

Ich setzte mein Josh Meyer-Lächeln auf, straffte die Schultern und atmete noch einmal tief durch. Das hier war allemal besser, als zuhause in meiner Einsamkeit zu versinken.
Tom begrüßte unzählige Leute mit Handschlag, High-Five und Küsschen für die Mädels, die durch die Bank weg ganz ansehnlich waren. Die Reaktionen auf meine Anwesenheit waren immer dieselben. Erstauntes Schweigen, gefolgt von kurzem Gekreische und anschließenden freundlichen Grinsen. Manche biederten sich an, schmissen sich mir an den Hals und suchten meine körperliche Nähe. Andere waren einfach nur nett und aufgeregt.

Ich folgte Tom, versuchte in Bewegung zu bleiben und lächlte. Die Akustik war grauenvoll, alle Töne sumpften zu einem Brei zusammen, verklebten zu einem Ball, der einem ungnädig um die Ohren schlug. Der Bass boxte gegen meine Eingeweide. Ich kannte das Gefühl von den übersteuerten Gigs in kleinen Locations. Ich versuchte, das Positive zu sehen, denn bei diesem Lärm fiel es mir leicht, das Getuschel zu überhören, an das ich mich einfach nicht gewöhnen wollte. Es gehörte dazu. Ich betete mir Carols Erklärung immer wieder wie ein Matra in Gedanken herunter. Meistens half es, aber heute … Heute war etwas anders und das machte mich auf eine unbestimmte Art nervös.

Tom stoppte und begrüßte seinen Cousin mit großem ‚HALLO‘. Lukas kannte ich von einigen Gigs. Zu Anfangszeiten von Amblish hing er oft im Bandhaus rum. Ich hatte mich nie sonderlich für ihn interessiert, er und Tom waren sich einfach zu ähnlich. Ich reichte ihm trotzdem die Hand und lächelte ihn an, als er mich überschwänglich begrüßte.

„Hey Josh, cool, dass du dabei bist. Fühl dich hier wie zuhause. Getränke sind in der Küche und wenn du was Härteres brauchst – Tom weiß, wo der Geheimvorrat gebunkert ist.“ Ein überhebliches Grinsen breitete sich auf seinem braunen Sunny-Boy Gesicht aus. Seine blauen Augen glitzerten verschwörerisch, aber ich brachte nicht mehr als ein müdes Lächen zustande. Heute würde ich mich ganz sicher nicht abschießen. Der Tag morgen war zu wichtig. Ich würde mir einen Absacker gönnen und dann früh das Weite suchen. Wenn Tom seinen Shit verzockt hatte, konnten wir vielleicht noch ein bisschen bei mir zuhause chillen. Oder an einem Song feilen.

„Hey, bist du wirklich Josh Meyer?“ Eine dunkelhaarige Schönheit mit einem kleinen Leberfleck neben ihrem zarten Mund lächelte mich erwartungsvoll an. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich nickte geistesabwesend und ließ meinen Blick über die wogende Menge schweifen. Es war wirklich brechend voll. Ob ich tatsächlich den Weg zur Küche einschlagen sollte? Undeutlich drangen die Worte des Mädchen an mein Ohr. Mega. Cool. Autogramm. Ihre Hand spürte ich wage durch das Leder meiner Jacke. Ich nickte zum Takt und spürte, wie sich weitere Menschen um mich scharten. Wie ich mit Blicken taxiert wurde. Dieses Gefühl, niemals unbeobachtet zu sein, breitete sich in mir aus. Niemand hatte mich zuvor gewarnt, dass es so sein würde. Dass ich nirgends mehr hinkonnte als Joshua, der schüchterne Junge von nebenan. Egal, wo ich auftauchte, die Menschen sahen Josh Meyer in mir. Den Star. Den Entertainer. Aber das war nur eine Seite von mir.

Tom bedeutete mir, dass er seinen Geschäften nachging. Ich widmete mich den Mädchen um mich herum, wehrte die Autogrammwünsche ab und besänftigte sie mit einem Lächeln. Hier einen auf Star zu machen, war mir schlichtweg zu peinlich. Natürlich war ich stolz darauf, dass wir mit unserer Musik Erfolg hatten. Dass die Menschen meine Stimme und meine Art zu singen mochten. Aber dennoch war ich nicht besser als sie. Ich war einer von ihnen und wollte auch so behandelt werden.

Ich versuchte, mich zu erinnern, wie es gewesen war, bevor Amblish Erfolg gehabt hatte. Aber auch wenn das gerade einmal ein halbes Jahr her war, fiel es mir schwer, zurück zu blicken. Ich liebte mein Leben, es war perfekt. Schließlich konnte ich genau das tun, wofür ich brannte. Tag für Tag. Stunde um Stunde. Und dafür war ich dankbar. Dafür nahm ich sogar in Kauf, dass ich in Zukunft Privat-Parties meiden würde. Carol wurde immer unentspannter, wenn ich mich in der Öffentlichkeit zeigte und ich fürchtete, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie mir einen Wachhund an die Seite stellte. Fuck.
„Ja. Ja, morgen ist die Echo-Preisverleihung“, antwortete ich auf eine Frage, die ich wie durch einen Nebel gehört hatte. Mein Blick hing aber an einem Mädchen fest, das auf der anderen Seite des Raumes stand, verhakte sich und war nicht bereit, sich zu lösen. Sie hatte braune lange Haare und einen zarten Teint. Die Lichter des Stroboskops, das wild durch die Menge wirbelte, warfen Schatten auf ihr Gesicht. Sie machte nicht den Anschein, als würde sie sich besonders wohl fühlen. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Die Musik war viel zu laut und schlecht ausgesteuert, die Luft unglaublich schlecht und für eine Privat-Party war es eindeutig zu voll. Ihr Blick schweifte unruhig hin und her, als wäre sie auf der Suche nach etwas.

Ein Kerl näherte sich ihr von hinten und legte vertraulich die Hände auf ihre Hüften. Mein Magen krampfte sich schon wieder zusammen. Hoffentlich hatte ich mir nichts eingefangen.

Ich riss meinen Blick los und lächelte das dunkelhaarige Mädchen an, das noch immer um meine Aufmerksam rang. Nun hatte sie sie für einen kurzen Moment. Ihr Lachen übertönte das dumpfe Wummern der Musik, klingelte in meinen Ohren. Sie war süß und an anderen Tagen hätte ich mich gerne mit ihr abgeseilt. Doch heute war mir nicht nach Smalltalk. Ich hatte keine Lust, die immer gleichen Fragen zu beantworten. Wie ist es, berühmt zu sein? Wie fühlt es sich an, auf einer Bühne zu stehen? Wen hast du alles schon berühmtes kennengelernt? Nicht heute. Nicht jetzt.

Vielleicht war es die Nervosität, die Aufregung vor dem morgigen Tag. Vielleicht machte sich die Müdigkeit bemerkbar. Jedenfalls fühlte ich mich gerade alles andere als selbstsicher. Meine sonst so säuberlich aufgesetzte Josh-Meyer-Maske schien Risse zu bekommen.

Mein Blick flackerte wieder zu diesem Mädchen, das auf der anderen Seite des vollgestopften Zimmers stand. Sie schaute immer wieder zu Lukas, der neben ihr stand und mit einem bildhübschen elfenhaften Mädchen flirtete.

Ihre Mundwinkel zuckten spöttisch während sie ein paar hopsende Mädchen beobachtete, die zu Shakiras ‚Waka Waka‘ tanzten. Zugegeben, die Chicks hatten es nicht wirklich drauf. Aber mich interessierte mehr dieses Mädchen, das auf den ersten Blick so unscheinbar war. Sie war niedlich, aber nicht die klassische Schönheit, wie sie sich im Showbiz tummelten. Nein, etwas an ihr war anders. Waren es die Emotionen, die ihr ins Gesicht geschrieben waren und allen Leuten sofort verrieten, was sie dachte? War es diese ungezwungene Natürlichkeit, die keine zentimeterdicke Schminke benötigte und die ihr so verdammt gut stand?

„Und? Glaubst du ihr gewinnt den Preis?“

„Was? Ach so. Keine Ahnung, die Konkurrenz ist groß“, antwortete ich verwirrt und fühlte mich ertappt. Ich löste meinen Blick mit dem letzten Rest Selbstberherrschung, nur um festzustellen, dass er mir nicht gehorchte und im nächsten Moment wieder in ihre Richtung schnellte. Und dann stand alles still, als ich direkt in ihre Augen schaute. Ihre sanften Augen, die so offen waren und mir das Gefühl gaben, dass wir uns schon ewig kannten. Hitze stieg in mir auf und ich zog meine Mundwinkel zu einem leisen Lächeln nach oben. Doch sie schien erschrocken zu sein, dass sich unsere Blicke gefunden hatten und schaute ohne ein Anzeichen des Erkennens, ohne die übliche „Josh Meyer hat mich angelächelt“-Hysterie zu Boden.

Mein Herz schlug wild und ich versuchte es zu beruhigen, indem ich mich auf das Mädchen konzentrierte.

„Hey, wie heißt du eigentlich?“ Ich zwinkerte sie an, lächelte und versuchte zu überspielen, wie durcheinander mich dieser eine Moment gebracht hatte.

„Ivy.“ Ihre Wangen glühten und es war offensichtlich, wie sehr sie sich freute, dass ich mich endlich an sie wandte.

„Ivy. Schöner Name.“ Das Strahlen auf ihrem Gesicht wurde noch größer. Sie war wirklich hübsch, aber immer wieder musste ich zu diesem unscheinbaren Mädchen schauen. „Und? Woher kennst du Lukas?“,
versuchte ich Zeit zu gewinnen, als ich merkte, dass mein Blick ins Leere glitt. Wo war sie? Gerade hatte sie doch noch auf der anderen Seite des Wohnzimmers gestanden. Dort, wo das Stroboskop seine zuckenden Lichtblitze higeschluedert hatte. Ich blickte mich um.

„Ich habe mit Lukas Abi gemacht. Wir kennen uns schon ewig …“ Den Rest ihrer Antwort verschluckte das dumpfe Wummern der Stereoanlage. Noch immer hatte ich sie nicht wieder gefunden. Lediglich der Typ, der sie vorhin begrüßt hatte, wankte auf die Küche zu.

„Hey, Eve, ich ..“
„Ivy!“
„Ivy.“ Mist, das war mir seit Jahren nicht mehr passiert, dass ich ein Mädchen mit falschem Namen

angesprochen hatte. Was war nur los mit mir? Ich sollte dringend schlafen. „Sorry, Süße. Ich gehe uns schnell was zu trinken holen, ja?“ Sie nickte, doch es war ihr noch deutlich anzusehen, wie sehr es sie gekränkt hatte, dass ich ihren Namen verwechselt hatte.

Ich bahnte mir einen Weg durch die Massen. Ignorierte die Blicke der Mädchen und hoffte, dass es in der Küche etwas leerer sein würde. Vielleicht würde ja sogar sie darin sein. Vielleicht würde ich mit ihr sprechen können.

Schon als ich durch die Tür trat, nahm der Lärm etwas ab. Erleichtert atmete ich aus und stellte mit einem Blick fest, dass die Küche leer war. Fast.

An die Arbeitsplatte gelehnt stand ein Paar, eng umschlungen. Zuerst dachte ich, die beiden würden nur knutschen, doch irgendetwas stimmte da nicht.

„Spinnst du? Lass mich sofort los.“ Die Stimme des Mädchen klang erstaunt, ängstlich. Und ich sah, wie sie sich unter dem schweren Körper des Jungen wandte.

„Ach komm schon, Emma, gib uns noch ’ne Chance. Du willst es doch auch“, lallte er. Ich trat einen Schritt näher und erkannte den Typen, der vorhin das Mädchen im Wohnzimmer begrüßt hatte. Augenblicklich beschleunigte sich mein Puls.

„Ähm … ist bei euch alles klar?“ Meine Stimme hallte in der leeren Küche und im ersten Moment erschrak ich selbst, als ich ein lautes Klatschen hörte.

„Jetzt schon.“ Tatsächlich – sie trat mit zusammengekniffenen Augen hinter dem Kerl hervor, der sich verdutzt die Wange hielt. Der Alkohol schien sein Denkvermögen mächtig eingeschränkt zu haben, denn er wirkte überrumpelt.

Einen Moment lang starrte mich das Mädchen aus ihren grünen, sanften Augen an. Erschrocken. Als wäre ich ein Geist ,verharrte sie in ihrer Bewegung. Dann schlug sie den Blick nieder und stürmte ohne ein weiteres Wort zur Terassentür und war verschwunden, bevor ich sie zurückhalten konnte.

Verwirrt blickte ich ihr hinterher. Ich war inzwischen einige Reaktionen auf mein Erscheinen gewohnt. Flucht zählte nicht dazu. Ich überlegte einen Moment, ob ich zu Ivy zurück sollte, um mich ein bisschen vergnügen, bevor es morgen wieder zur Sache ging. Aber nein, Ivy schien ein nettes Mädchen zu sein, aber ich hatte die Schnauze voll von diesem unverbindlichen One-Night-Stands.

Ohne weiter darüber nachzudenken stürmte ich nach draußen. Hoffentlich erwischte ich sie noch. Keine Ahnung warum, aber ich wollte zumindest einmal mit ihr sprechen. Nur ein einziges Mal.

Kalte Luft drängte in meine Lungen, durchströmte sie und ich sog den Sauerstoff gierig ein. Fackeln säumten einen kleinen Weg, der sich durch den Garten schlängelte. Hier und da standen ein paar Grüppchen zusammen und ein paar Pärchen hatten sich in die schützende Dunkelheit zurückgezogen. Ich quetschte mich an ein paar Leuten vorbei und ignorierte das Gemurmel, das sogleich zu hören war. Vor mir wippten ein paar braune
Locken auf und ab. Ich streckte meine Hand aus und legte sie sanft auf ihre Schulter, um sie zu stoppen.
„Was?“, schmetterte sie mir entgegen und drehte sich um. Ihre Augen sprühten vor Wut und ich musste ein

Lachen unterdrücken, da sie einfach zu niedlich aussah. Dieses ungekünsteltete, natürliche gefiel mir. Sehr sogar.

„Äh, sorry. Ich dachte, du wärst …“, stotterte sie und schaute zu Boden. Meine Mundwinkel zuckten.

„Bist du okay? Du bist so schnell rausgerannt. Ich wollte nur schauen, ob du was brauchst.“ Und mit ihr reden. Aber sie schien so scheu zu sein, so verletzt. Ich wollte nicht, dass sie dachte, ich wollte sie nur angraben.

„Oh. Nein … nein, mir fehlt nichts. Aber danke.“ Sie drehte sich um und lief los. Das Mädchen ließ mich einfach stehen. Ich brauchte einen Moment, bevor ich ihr folgen konnte.

„Willst du alleine sein oder kann ich ein Stück mit?“ Fast wäre ich in sie gerannt, so abrupt blieb sie stehen. Ich lächelte sie schief an, in der Hoffnung, die Stimmung etwas entschärfen zu können. Ja, ich wollte sie noch nicht gehen lassen. Diese Natürlichkeit, die sie ausstrahlte … wie sehr ich die vermisst hatte. Jeder, der mich in der letzten Zeit kennenlernte, war automatisch nett zu mir. Jeder wollte in meiner Nähe sein, mit mir gesehen werden. Als wäre ich aus Gold und es würde abfärben, wenn man nur lange genug neben mir stand. Sie war anders.

Sie nickte und lief los. Schweigen breitete sich aus und ich überlegte krampfhaft, was ich sagen könnte. Normalerweise war das Thema vorbestimmt: meine Musik.

„Guter Schlag.“ Nervös grinste ich sie an und hoffte, dass sie darauf einsteigen würde. Röte schoss in ihre Wangen. Wie wunderschön es aussah, wenn diese nicht von einer Schicht Make-Up verdeckt wurden. Ein zartes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Ich bin übrigens Emma.“ Emma. Ich starrte sie an und spürte, wie meine Mundwinkel schon wieder nach oben schnellten.

„Hi Emma.“ Ich ließ ihren Namen auf meiner Zunge zergehen. Er schmeckte süß und ich konnte mir gut vorstellen, ihn noch viel Male auszusprechen. Wieder hielt sie meinem Blick nicht stand und blickte zu Boden. Sie war schüchtern. Aber nicht auf diese Groupie-Art, wie die Mädchen, die innerlich jubelten, dass sie mir gegenüberstanden.

„Und du? Wie heißt du?“ Was? Diese Frage hatte ich schon zu lange nicht mehr gehört. Jeder sprach mich mit Namen an. Jeder kannte mich. Aus dem Fernsehen, der Zeitung, den Magazinen. Jeder, außer …
„Joshua, ich heiße Joshua.“ Was hätte ich auch sonst sagen soll? Hey, ich bin Josh Meyer, der

Leadsänger von Amblish? Nein. Im Moment war ich Joshua, der Junge hinter dem Star und ich genoss jeden Augenblick, den sie mir in dieser längst vergessen geglaubten Realität schenkte.

„Wo zum Henker laufen wir eigentlich hin? Ich hab keine Ahnung …“ Ihr Lachen klang noch immer nervös. Ich blickte in die Sterne, die zwischen den dürren Ästen der blätterlosen Bäumen durchblitzten. Es war eine klare, kalte Nacht. Ich schlug den Kragen meiner Lederjacke hoch und stellte erstaunt fest, dass mich dieses seltsame Gefühl in meinem Bauch wärmte.

„Ich auch nicht. Auf die Party will ich jedenfalls nicht zurück. Du?“ Vielleicht wollte sie ja wieder zu diesem Typen? Wobei, er hatte sie bedrängt und sie war davon gelaufen. Ich entspannte mich bei diesem Gedanken sichtlich. Ivy tauchte kurz in meinem Kopf auf. Sorry, Süße, kein Drink mit mir.

Sie schüttelte nur den Kopf und schien keine Worte zu finden.

„Sollen wir … Ach, lass uns doch einfach schauen, wohin es uns verschlägt, ja?“ Warum zum Geier war ich so nervös? Es war lange her, dass ich mit einem fremden Mädchen um die Häuser gezogen bin. Einfach so. Ohne Hintergedanken.
„Klar. Gerne.“ Ihre Stimme war dünn, leise und dennoch hörte ich jede Nuance. Ich sollte aufhören, zu viel hinein zu interpretieren. Wahrscheinlich gefiel sie mir nur, weil sie keinen blassen Schimmer hatte, wer ich war. Nein. Ich hatte schon davor ein Auge auf sie geworfen. Trotzdem. Morgen war ich schon wieder unterwegs und ich wusste, wie solche Sachen endeten. Ich sollte mich auf den morgigen Tag konzentrieren und nicht auf ein unscheinbares Mädchen, das sich gerade ungefragt in mein Herz stehlen wollte.

„Danke für vorhin.“
„Was meinst du?“
„Ach, du weißt schon … Vorhin in der Küche … Keine Ahnung, was in Kevin gefahren ist.“ Beim Gedanken

an den widerlichen Kerl, der sich ungefragt an sie rangemacht hatte, ballten sich meine Hände unwillkürlich zu Fäusten.

„Dein Freund?“
„Ex-Freund“, stellte sie richtig. „Er wollte, dass wir es nochmal miteinander versuchen.“
„Und du?“
„Offensichtlich nicht, für mich ist das vorbei. Aber es ist nicht immer leicht … Irgendwie tut er mir leid.“ „Warum? Weil er dich nicht haben kann?“ Ja, da konnte er einem schon leid tun, aber das Leben war eben

nicht immer fair.
„Nein, nein, so hab ich das nicht gemeint. Oh Gott, …“ Ihr Lachen war wirklich süß. So ungeünstelt und

ehrlich. „Ach, es ist kompliziert. Ich will dich nicht langweilen.“
„Du langweilst mich nicht. Nein ehrlich, bitte, erzähl weiter.“ Und hör nicht auf, mir von deinem normalen

Alltag zu erzählen.
„Kevin und ich, wir kennen uns schon ewig. Wir waren schon in der Grundschule in einer Klasse und sind,

seit ich denken kann, beste Freunde. Ständig hingen wir zusammen rum, haben gelacht und nächtelang einfach nur gequatscht. Er war immer für mich da, hat mich bei Liebeskummer getröstet und ich habe ihm im Gegenzug Tipps für seine Mädels gegeben. Das war echt eine lustige Zeit. Und irgendwann wollte er einfach mehr.“

Konnte ich sehr gut verstehen. Viele Beziehungen entwickelten sich in diesem Alter aus einer Freundschaft heraus.

„Und du?“ War es ihr genauso ergangen? Hatte sie sich in diesen Deppen tatsächlich verliebt?

„Nein, eigentlich nicht. Es ist einfach passiert. Ich hab’s nicht geschafft, ‚Nein’ zu sagen und dachte, es würde schon funktionieren. Hat es aber nicht. Für Kevin war ich die große Liebe und jetzt ist er dementsprechend durch den Wind.“

„Hey, mach dir keine Vorwürfe. Liebe kann man eben nicht erzwingen.“ Da sprach der Experte aus mir. Aber was hatte ich schon für Erfahrungen mit Liebe? Unverbindlichen Sex, leichte Flirtereien, lockere Beziehungen ohne Verpflichtungen. Darin lagen meine Stärken. Aber Liebe?

„Ja, da hast du wohl recht.“ Sie seufzte leise und wir liefen weiter. Wohin, das wusste wohl keiner von uns beiden, aber im Grunde war es auch egal. Ich wollte noch ein bisschen Zeit mit ihr verbringen, bevor ich nach Hause musste und somit ich in mein Leben zurückkehren musste, das so laut, so bunt und so schnell war, dass mir manchmal davon schwindelig wurde.

„Glaubst du daran? An die große Liebe, mein‘ ich?“, fragte ich nachdenklich. „Ich wette, du glaubst daran. Irgendwie machst du einen romantischen Eindruck.“ Mein Blick war in die Ferne gerichtet, verlor sich mit den Nebelschwaden, die meinen Mund verließen und zum Himmel stiegen. Eine ungewöhnliche Spannung lag in der Luft. Emmas Schweigen machte es nicht besser.
„Na, komm, das braucht dir nicht peinlich zu sein.“ Ich stubste sie an und zwinkerte ihr zur Aufmunterung
zu. Wieder huschte dieses schnörkellose Lächeln über ihr Gesicht und ließ es erstrahlen.
„Die große Liebe … Mmmh. Ich finde die Vorstellung schön, dass es da draußen einen Menschen gibt, der

ein Spiegelbild deiner Seele ist. Der dich zu einem besseren Menschen macht und mit dem du dich vollkommen fühlst. Jemand, der dich dazu bringt, dich selbst zu lieben. Was ist mit dir? Wie stehst du zu der Liebe?“ Ich sog ihre Worte auf, ihr Bild von der Liebe gefiel mir, auch wenn ich andere Erfahrunge gemacht hatte. Wo sollte man denn bitte diese perfekte Liebe finden? Im Märchen?

„Du hast recht, es ist eine tolle Vorstellung und wie gerne würde ich daran glauben … Aber wie realistisch ist es denn, bei rund sieben Milliarden Menschen gerade den zu finden, der zu dir passt? Das wäre irgendwie zu krass. Nee, ich kann mir das nicht vorstellen … Aber wer weiß. Vielleicht belehrst du mich ja eines Besseren?“ Ich drehte den Kopf in Emmas Richtung und zog einen Mundwinkel hoch. Sie war gut einen Kopf kleiner als ich und wirkte recht sportlich. Den Reißverschluss ihrer dünnen Funktionsjacke hatte sie fast bis zur Nasenspitze hochgezogen.

„Jaja, mach dich nur lustig. Du wirst noch an mich denken, wenn du mal eine kennenlernst, bei der es dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Eine, die deine Leere füllt und die dich zum Lachen bringt … So wie du redest, warst du entweder noch nie verliebt oder jemand hat dir verdammt weh getan.“

„Mmmhh … Lass mich überlegen.“ Ich legte eine Kunstpause ein, wusste, dass dies die Anspannung noch höher treiben würde. Sie wirkte so nervös und ich wünschte mir doch nur, dass sich diese Spannung endlich legen würde. Dass wir wie normale Freunde miteinander reden würden. „Sag mal, fragst du wildfremde Jungs immer nach ihrem Liebesleben aus?“

„Nein, nur die, die mich über die große Liebe ausquetschen und offensichtlich keine Ahnung davon haben.“ Okay, sie war schlagfertig. Das gefiel mir.

„Okay, okay. Aber ich muss dich enttäuschen, es stimmt keines von beidem. Verliebt war ich schon das ein oder andere Mal. Glaube ich zumindest. Aber ich würde sagen, ich habe bisher keine so nahe rangelassen, um mir richtig weh zu tun. Wenn du weißt, was ich meine …“ Ich grinste vielsagend. Ich erinnerte mich an Leonie. Damals in der 9. Klasse. Ich war noch nicht so lange in Deutschland gewesen. Erst wenige Monate zuvor hatte sich meine Mom in einer Nacht und Nebel Aktion von meinem Vater getrennt. Ich hatte auf einen Schlag alles verloren. Meine Freunde, mein Umfeld, meine Familie. Die erste Zeit hier in Deutschland war der blanke Horror für mich gewesen. Ich konnte die Sprache nicht und musste mich quasi alleine durchboxen. Meine Mutter war mit sich selbst beschäftigt. Und meine Granny … Ach, sie fehlte mir so.

Zähneklappern holte mich in die Realität zurück. Emma hatte sich noch tiefer in ihre dünne Jacke verkrochen und schlotterte am ganzen Leib.

„Du zitterst ja.“ Ich blieb stehen und sah sie vorwurfsvoll an. Wer ging bei diesen Temperaturen auch mit so dünnen Klamotten raus? Selbst, wenn es zu einer Party war. „Hey, lass uns noch was trinken gehen, ja? Oder magst du lieber nach Hause?“ Bitte sag, dass du noch weiter mit mir abhängen willst, sag, dass du nicht schon schlafen möchtest. Doch meine Befürchtungen lösten sich schon in Luft auf, als sie bestimmt mit dem Kopf nickte.

„Ja, also ja, lass uns was trinken gehen. Hast du eine Idee wohin?“ Ich scannte die Möglichkeiten. Da gab es ein paar Straßen weiter das Vince. Dort würden sich um diese Uhrzeit sicher einige Jugendliche tummeln, den Freitagabend ausklingen lassen, ein bisschen Billardspielen und chillen. Das Risiko dort erkannt zu werden, war mir zu hoch, also steuerte ich eine heruntergekommene Kneipe an, in die sich höchstwahrscheinlich nur Publikum älteren Semesters verirren würden.
Die Kneipe hatte ihre besten Jahre schon lange hinter sich. Sie versprühte den Charme von siebziger
Jahre Schmuddelschick. Aber nicht dieser Berliner Style. Mich erinnerte die Einrichtung eher an diese Kleingärtenanlagen-Kneipen. Mit wackeligen, harten Holzstühlen und Tischen, die nicht so recht zusammen passend wollten. Ich warf einen Blick in die Runde. Doch der Laden war fast leer. Perfekt.

Ich führte Emma zu einem kleinen Tisch in einer Ecke des Raumen. Von hier hatte ich einen guten Überblick. Ich hasste es, irgendwo mitten im Raum zu sitzen, oder gar mit dem Rücken zur Menge. Zu oft hatten sich schon Leute angeschlichen und mich in möglichst ungünstigen Situationen überrumpelt. Mit einem Milchschaumbart zum Beispiel.

„Und? Was wollt ihr beiden so spät in meiner Hütte?“ Die Bedienung hatte rotes, dauergewelltes Haar und schnaufte wie eine Dampflok. Sie musste schon weit über fünfzig sein und machte nicht den Anschein, mich zu erkennen. Ich entspannte mich und warf ihr ein Lächeln zu, das die meisten Menschen besänftigte.

„Zwei Latte Macchiato, bitte.“

„Latte Macchiato? So neumodisches Zeugs haben wir hier nicht. Ihr könnt einen Kaffee haben.“ Ich wechselte einen amüsierten Blick mit Emma.

„Okay, dann nehmen wir zwei Kaffee. Mit Milch.“

„Und Zucker“, setzte Emma nach und erntete einen bösen Blick der Bedienung. Sie schaute herausfordernd zurück und schien sich durch die derbe Person nicht einschüchtern zu lassen.

Ich blickte mich um. Die anderen drei Personen schienen sich nicht an uns zu stören.

„Und, was meinst du ist seine Geschichte?“ Ich nickte in Richtung des Tresens, hinter dem sich die rothaarige Bedienung an der Kaffeemaschine zu schaffen machte.

Der Mann, der davor auf einem kippeligen Holzbarhocker saß, sah herunter gekommen aus. Seine Klamotten schlackerten an den Gliedmassen und wirkten abgetragen. Aber irgendetwas in seinem Gesicht weckte mein Interesse. Da war dieses Funkeln in den Augen, dieses Leuchten, das mir sagte, dass er an etwas Schönes dachte.

„Seine Geschichte?“, fragte Emma verständnislos.

„Ja, seine Geschichte. Ich fang an, okay?“ Emmas Augenbrauen schoben sich erwartungsvoll nach oben und ich beugte mich ein kleines Stückchen weiter über den Tisch, damit niemand unsere Unterhaltung belauschen konnte. „Der Kerl da drüber war zu seinen besten Zeiten ein Magier und hat hunderte, ach, was sag ich, tausende Menschen in seinen Zaubershows begeistert.“

„Magier? Wie kommst du denn darauf?“

„Siehst du, wie er den Bierdeckel zwischen seinen Fingern hin und her wandern lässt?“ Sie drehte sich unauffällig um, gab vor, der Bedienung bei der Arbeit zuzusehen. Sie grinste über beide Ohren, als sie sich mir wieder zuwandte.

„Neee, der ist Taschendieb und übt für seinen nächsten Raubzug.“

„Taschendieb? Also ehrlich. Hast du immer gleich so eine schlechte Meinung von fremden Leuten?“ Ich schüttelte den Kopf und schnalzte missbilligend mit der Zunge.

„Schlechte Meinung? Oh, ich bitte dich! Es gibt auch gute Taschendiebe.“

„Gute Taschendiebe?“ Ich amüsierte mich köstlich. „Ich bin gespannt.“ Ich stützte den Kopf auf meinen Händen ab und verkniff mir ein zu offensichtliches Grinsen.

„Ja, er klaut versnobten Anzugträgern, die arrogant auf ihn niederblicken und es auch nicht anders verdienen, die Brieftasche und kauft anschließend von dem Geld jedem Kind, das ihm über den Weg läuft, ein Eis.“
„Hat dir deine Mom nicht beigebracht, dass du von Fremden nichts annehmen sollst?“ Sie streckte mir die
Zunge raus und lachte.
Die Bedienung kam angeschlurft. Unmotiviert knallte sie den Kaffee auf den Tisch, sodass er auf die

Unterteller schwappte. Da ich eh keine große Lust auf die Filterbrühe verspürte, beschwerte ich mich nicht. „Dankeschön.“ Ich lächelte sie freundlich an und hoffte, dass sie etwas auftaute. Doch sie drehte sich

kommentarlos um und verschanzte sich wieder hinter ihrem Tresen.
Emma verzog zerknirscht den Mund.
„Was ist los?“
„Das mit dem Zucker hat sie geflissentlich ignoriert. Vielleicht hättest du sie darum bitten sollen.“ Statt

einer Antwort lief ich die paar Meter zum Tresen und beugte mich hinüber.
„Hallo schöne Frau.“ Die Bedienung schaute mich argwöhnlich an. „Harten Tag gehabt?“ Sie schrubbte

weiter am Edelstahl der Arbeitsplatte und hatte nur ein Schnauben für mich übrig. Harte Nuss. „Oh, ich kenne das. Die Abende in der Kneipe ziehen sich manchmal endlos. Und die Füße, das Kreuz … haben sie auch manchmal so ein Ziehen im Rücken.“ Sie blickte auf und ich lächelte sie mitfühlend an. Der Anflug eines Lächelns huschte über ihr faltiges Gesicht. „Ich hoffe, Sie haben bald Feierabend. Aber bis dahin … könnten Sie mir noch ein bisschen Zucker für die Süße da drüben geben?“ Ich nickte in Emmas Richtung und spürte ihren Blick in meinem Rücken. Ohne ein Wort knallte die schrullige Tante den Zucker auf den Tresen. Der Glas-Steuer war etwas angeschmuddelt. Ich hoffte sehr, Emma würde das nichts ausmachen, denn noch einmal nach einem sauberen zu fragen, würde die Nerven der guten Dame sicher überstrapazieren. „Herzlichen Dank!“

Emma empfing mich mit einem spöttischen Lächeln.
„Na, ist sie immun gegen deinen Charme?“
„Sie ziert sich noch etwas. Aber ich krieg sie noch rum, du wirst sehen.“ Sie kicherte.
„Na, wenn du es sagst.“ Und ich sollte recht behalten. Nach ein paar weiteren schmeichelnden Worten

taute die Bedienung sichtlich auf. Bis ihr langsersehnter Feierabend anstand. Da half auch kein Betteln und kein Lächeln. Sie setzte uns vor die Tür. Und dort standen wir nun. In der Kälte und nicht bereit, nach Hause zu gehen.

Ich wusste, es wäre klüger, nun einen Schlussstrich zu ziehen. Einfach Goodbye zu sagen und zu verschwinden. Zurück in mein Leben, in dem kein Platz für ein Mädchen wie Emma war. Ich wusste, ich musste nach Hause. Aber allein der Gedanke, nach diesem unbeschwerten Abend wieder in mein turbulentes Leben zurückzukehren, erschien mir grausam.

Ich blickte sie an, suchte nach einem Grund, warum ich das Weite suchen sollte. Suchte nach einem Zeichen, dass sie mich verarschte, gleich mit Josh ansprach und mich nach meiner Musik fragte. Doch nein. Die Ehrlichkeit sprühte aus all ihren Poren.

Sie stand unschuldig vor mir, eingehüllt in diese dünne Jacke und es war nur eine Frage von wenigen Minuten, bis sie wieder wie Espenlaub zittern würde. Wie zerbrechlich, wie wunderschön. Ich widerstand dem Drang, sie in der Arm zu nehmen und zu wärmen und kramte stattdessen meine Beanie aus der Jackentasche.

„Hier.“ Mit zitternden Fingern zog ich ihr meine Mütze über. Sie stand ihr gut. „Sonst erfrierst du mir noch.“ Ich lächelte sie an und zupfte ein paar Haarsträhnen zurecht.

„Danke.“ Wieder röteten sich ihre Wangen. Wie süß.

„Hey, ich würde echt gerne noch die ganze Nacht mit dir quatschen. Das ist echt lustig und es ist eine Ewigkeit her, dass ich so viel Spaß hatte.“ Argwöhnisch zog sie ihre Augenbrauen hoch. „Nein wirklich. Kommt es dir nicht auch so vor, als würden wir uns schon ewig kennen?“
„Doch, schon … irgendwie.“ Mir kam es jedenfalls so vor und es war lange her, dass ich jemandem von
Anfang an so vetraut hatte, wie ihr.
„Hör zu, ich habe morgen ein wichtiges Konzert und muss in ein paar Stunden los. Ich sollte noch eine

Mütze Schlaf abkriegen.“ Ich hoffte sehr, sie würde auf das Wort ‚Konzert‘ nicht anspringen. Oder doch? Vielleicht sollte ich ihr reinen Wein einschenken, bevor es zu spät war. „Willst du zurück auf die Party oder soll ich dich noch nach Hause begleiten?“

„Ne, auf die Party bringen mich keine zehn Pferde. Aber ich wohne nicht weit von hier.“ Ich war dankbar, dass sie mir noch weitere Minuten schenkte. Wir liefen los und ich trödelte absichtlich, drosselte das Tempo, um ihre Nähe noch ein kleines bisschen länger auszukosten.

„Konzert? Du machst Musik?“ Da war das Thema. Nun musste ich entscheiden, ob ich bereit war, die Katze aus dem Sack zu lassen. Ob ich mich in Josh Meyer verwandeln wollte.

„Ja.“ Ich sah sie an, wollte wissen, wie sie reagiert und ob sie mir den ganzen Abend etwas vorgespielt hatte.

„Klar und gleich erzählst du mir noch, dass du ein Popstar oder so was bist.“ Sie grinste breit, amüsierte sich über ihren Scherz und ich brachte es einfach nicht fertig, ihr zu sagen, wer ich war.

„Eigentlich bevorzuge ich die Bezeichnung ‚Singer/Songwriter‘ …“, murmelte ich und konzentrierte mich weiter auf den Gehweg.

„Okay, verstehe. Wahrscheinlich bist du so ein grässlicher Alleinunterhalter, der auf Hochzeiten die abgenudelten Hits der letzten Jahrzehnte spielt.“ Sie kicherte und summte die Melodie von ‚Griechischer Wein‘.

„Ja, du hast Recht. Das hab ich auch schon gemacht.“ Ich grinste und kickte einen Stein weg. Jetzt. Jetzt war der Moment. Ich atmete tief ein und … ließ ihn ungenutzt ziehen. „Also jetzt nicht ‚Griechischer Wein‘, ach, egal …“ Fuck. Ich wollte nicht, dass das alles gewesen sein sollte. Ich wollte nicht, dass sie mich nur noch als Josh Meyer sah.

„Da vorne wohne ich.“ Sie fuchtelte mit ihrem Arm und deutete auf eine Hofeinfahrt. Das Haus lag in einer der schönsten Straßen Freiburgs. Ich war hier schon oft durchgefahren und hatte nicht geahnt, dass hier ein Mädchen wohnte, das mich so durcheinander brachte. Das so anders war, als die Mädchen, die ich sonst datete.

Da standen wir also vor ihrer Einfahrt. Mitten im Winter. Mitten in der Nacht. Und keiner von uns beiden war bereit, dem Abend ein Ende zu setzen. Ich versuchte Zeit zu schinden, blickte mich um, suchte in den Sternen nach einer Eingebung, wie ich den Abschied hinauszögern konnte.

„Also, dann gehe ich mal … wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja irgendwann mal wieder …“ Sie zog die Mütze ab und streckte sie mir entgegen. Ihre Haare streckten sich sehnsüchtig nach der wärmenden Wolle aus und standen in alle Richtungen ab. Ich wollte über sie streichen, doch meine Hände steckten noch in meiner Jackentasche. Ich krallte die Nägel in das weiche Leder und hielt sie davon ab.

„Nein, behalte sie. Am Donnerstag … Lass uns am Donnerstag treffen, ja?“ In Sekundenschnelle hatte ich meinen Terminplan durchforstet und betete, dass ich den Day-Off nächste Woche noch richtig in Erinnerung hatte. Ich wollte sie wiedersehen. Egal wie. Ich musste herausfinden, ob dieses Kribbeln in meinem Bauch, diese Wärme, dann noch immer da sein würde. Ob meine Gefühle nur ein Wunschtraum waren oder ob ich tatsächlich etwas für dieses Mädchen empfand. „Das heißt … nur, wenn du willst. Es wäre schön, dich wiederzusehen.“ Die Sekunden dehnten sich zu schier endlosen Momenten aus. Mein Herz schlug wild, wartete darauf, dass sie endlich etwas sagte. Irgendetwas.

„Ja … klar … gerne …“, stotterte sie. „Und wann und wo?“ Erleichterung breitete sich aus.

„Soll ich dich von der Schule abholen?“ Mein Magen zog sich bei dem Vorschlag zusammen. Vielleicht wäre ein Treffen in stiller Zweisamkeit besser? Vielleicht würde ich so noch etwas in der Luftblase leben und ihr
verheimlichen können, wer ich in Wahrheit war. Aber wieder einmal war mein Mund schneller gewesen.
„Ich habe am Donnerstag erst um vier Schluss. Aber okay. Ich gehe auf’s Heinrich-Gymnasium. Weißt du, wo das ist?“ Ich nickte. Wie sie wohl reagieren würde, wenn sie es erfuhr? Würde sie in hysterisches Gekreische

verfallen? Nein, sie nicht. Würde sie davon laufen? Das war wahrscheinlicher.
„Also dann, bis Donnerstag.“ Sie trat einen Schritt auf mich zu, legte ihre Hände auf meine Schultern. Trotz

der Kälte konnte ich sie riechen. Sie roch nach einer Mischung aus Meer und Blumengarten. Exotisch, blumig. Gut. Sie streckte sich einige Zentimeter nach oben, um mir die obligatorischen Abschiedküsschen zu geben. Oh Gott, diese Freundschaftsnummer. Dabei wollte ich sie küssen. Nur küssen.

Ich musterte sie aus der Nähe. Die Augen niedergeschlagen kam sie mir näher. Ihre Haut war so zart und erinnerte mich augenblicklich an Schneewittchen. So zerbrechlich. So stark. So wunderschön.

Ein warmer Lufthauch streifte meine Wange. Sie war darauf bedacht, mich nicht zu berühren, dabei wünschte ich mir nichts sehnlicher. Küsschen auf die andere Wange, mein Herz schlug noch immer wild. Ich hielt ganz still. Meine Hände lagen auf ihrem Rücken, waren nicht bereit, sie so schnell loszulassen.

Endlich öffnete sie ihre Augen. Ihre wundervollen grünen Augen, die vor Leben sprühten. Die mich direkt in ihre unschuldige Seele blicken ließen. Ich wusste in diesem einen Augenblick, dass ich sie gefunden hatte. Sie, auf die ich so lange gewartet hatte.

Ich lächelte, strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht und genoss es, ihre zarte Haut zu berühren. Sie war kalt, weich und brannte unter meinen Fingern. Ihre Augen waren so warm, luden mich ein, zu verweilen, in diese Welt abzutauchen, die ich so schmerzlich vermisst hatte. Wärme. Geborgenheit. Liebe. Ich suchte in ihrem Blick, was sie dachte, wie sie zu mir stand und fand nur dieses wundervolle Glitzern.

Ich schloss die Augen, schob alle Bedenken beiseite. Carol blitze vor meinem inneren Auge auf und starrte mich strafend an. Ich ignorierte ihre Ermahnung und ließ mich darauf ein. Ließ meinen Wünschen freien Lauf und küsste das Mädchen, das sich ungefragt in mein Leben geschlichen hatte. Ihre Lippen waren weich. Und warm. Ich ließ ihnen Zeit, bewegte mich langsam und gab ihnen die Möglichkeit, sich gegen mich zu wehren. Aber alles, was ich zurück bekam, war eine Einladung. Die Einladung, sie weiter zu küssen.

Ich konnte nicht genug von ihr bekommen und ermahnte mich, ihr Zeit zu geben. Kostete jede Berührung aus und sog sie auf, als hätte ich seit Ewigkeiten nicht mehr geküsst. Und tatsächlich, diese Berührungen fühlten sich anders an. Intensiver. Jeder Kuss war ein Nadelstich, so wunderschön. Mein Herz schlug zwei Schläge zu schnell, beschleunigte immer mehr und wollte einfach nicht zu seinem normalen Tempo zurückfinden.

Emma schlang ihre Arme stärker um mich, zog mich enger zu sich und wollte mehr. Das wollte ich auch. Aber fuck … alles zu seiner Zeit. Ich durfte nichts überstürzen, ihr nicht das Gefühl geben, sie zu überrumpeln. Ich löste meine Lippen. Küsste sie in einer endlosen Reihe, bis ich an ihrem wundervoll geschwungenen Ohr angelangte. Ich liebkoste ihr Ohrläppchen und musste mich zusammen reißen, dass ich nicht augenblicklich wieder ihre Lippen in Beschlag nahm. Ihre Lippen, die dieses unglaublich intensive Gefühl in mir hervorriefen.

Ich warf einen Blick auf Emma und lächelte nervös. Mein Herz trommelte noch immer diesen unbekannten Takt. Fühlte sie die Magie ebenfalls? Spürte sie, dass das, was zwischen uns gerade passiert war etwas Besonderes war?

Sie räusperte sich verlegen und blickte mich ein paar Momente später an. Verlegen, verwirrt. Süß. Ich lächelte sanft und stupste mit dem Zeigefinger ihre Nase. Dabei war ich selbst ziemlich neben der Spur.

„Küsst du alle Mädchen am ersten Abend?“ Es sollte kess wirken, doch ihre Stimme zitterte kaum merklich. Sie reckte ihr Kinn und blickte mich herausfordernd an.
„Nein, nur die, in die ich mich verlieben könnte.“ Niemals hatte ich das zu einem anderen Mädchen gesagt.
Aber genau das fühlte ich in diesem Moment. Als könnte ich mich tatsächlich in Emma verlieben. Mit Haut und Haaren. Und meinem ganzen Herzen.

Ich wollte jubeln, wollte die ganze Welt umarmen. Ich fühlte mich so frei, wie seit ewigen Zeiten nicht mehr und doch lauerte in einer Ecke meines Herzen die Angst, dass alles zu Ende sein könnte, bevor es überhaupt begonnen hatte. Was, wenn sie mich nicht wollte? Was, wenn alles nur ein schöner Traum gewesen war?

„Hey, du machst dich schon wieder lustig über mich.“ Sie boxte mich in die Seite und ich jaulte gespielt auf.

„Nein, tue ich nicht. Ehrlich nicht.“ Ich wünschte, sie würde mir glauben. Ich strich einmal über die zarte Haut ihrer Wange, bevor ich sie noch einmal küsste. Dieses Gefühl … ich könnte süchtig danach werden. Es war besser als jede Droge, die ich bisher probiert hatte. Und das waren weißGott nicht wenige gewesen.

„Emma, ich muss jetzt echt gehen. Schlaf schön.“ Ich wusste nicht, wie lange ich noch durchhalten würde, bevor mein Herz explodierte. Bevor ich meinem Wunsch, ihr noch näher zu sein, nachgab. Aber ich musste langsam vorgehen. Behutsam. Emma war kein Mädchen für eine Nacht. Und ich musste mir dringend Gedanken machen. Über mein Leben. Die Liebe. Und darüber, was ich ihr sagen würde. Über mich. Denn bald, ganz bald würde ich sie wiedersehen.


Ich hoffe, euch hat das erste Kapitel aus Joshs Sicht gefallen. Wer nun neugierig geworden ist und Josh & Emma noch nicht kennt, kann sich die e-Books überall im Buchhandel holen.

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